Anlässlich unseres 100-jährigen ­Jubiläums im Jahr 2021 haben uns einige Mitglieder ihre ganz persönlichen Erinnerungen aus ihrer Zeit in der Genossenschaft geschildert. Elke ­Karsties hat ihre Erlebnisse besonders anschaulich beschrieben und uns ­erlaubt, sie mit Ihnen zu teilen.

 

Eine bewegte ­Kindheit in der ­Laubenkolonie

Elke Karsties und ihre Mutter Ruth David, Sommer 1944

Es war im Sommer 1943. Ich war drei Jahre alt und wohnte mit meiner Mutter Ruth David in Hamburg-Eimsbüttel in der Schenefelder Straße, heute Hartwig-Hesse-Straße. Wir hatten Krieg, und mein Vater Ernst David war in Russland. Im Juli schlug eine Bombe im Nebenhaus ein, und unser Haus fing Feuer. Meine Mutter brachte mich auf die andere Straßenseite und lief zurück. Sie wollte noch ihre Papiere retten. Ich dachte, ich sehe sie nie wieder. Aber sie kam zurück. Wir zogen dann nach Stellingen in unseren Schrebergarten im Frischlingstieg. In unserer Holzlaube schlief ich im Kaninchenstall, der nicht besetzt war, und meine Mutter schlief irgendwo auf dem Boden. Obwohl das Erinnerungsvermögen normalerweise erst ab dem fünften, sechsten Lebensjahr ansetzt, habe ich die Ereignisse bis zum heutigen Tag vor Augen. Als der Winter kam, boten uns Nachbarn an, in dieser Zeit in ihrem kleinen Steinhaus zu wohnen. Sie selbst waren nicht ausgebombt und konnten in ihrer Stadtwohnung bleiben.

Eines Morgens, als meine Mutter mich mit den Worten „Ein Löffel für Papa, ein Löffel für Oma“ mit Brei fütterte, gab es einen unglaublich lauten Knall mit einer unglaublich starken Erschütterung. Der Teller flog an die Decke, meine Mutter und ich wurden vom Stuhl geworfen. Eine Bombe war in der Nachbarkolonie eingeschlagen. Auch dieses Erlebnis kann ich bis heute nicht vergessen. Immer wieder gab es Fliegeralarm. Wir fanden dann Unterschlupf bei einem anderen Nachbarn. Frauen und Kinder versteckten sich dort im Keller, die alten Männer standen an der Kellertür, denn der Keller war voll besetzt.

Dann folgte die Zeit, in der mit der Schottschen Karre Bausteine in unseren Garten gebracht wurden. Daraus entstand ein kleines Steinhaus. Dieses Haus musste im Winter beheizt werden. Es kam unserer Kolonie zugute, dass sie direkt an der Kaltenkirchener Bahn lag. Manchmal hielt dort ein mit Kohlen beladener Zug. Der Lokführer öffnete einen Waggon, und ließ es zu, dass viele Frauen und Kinder mit Eimern und Schaufeln hinliefen, um ein paar Kohlen zu ergattern, auch meine Mutter und ich. Einmal konnte meine Mutter nicht rechtzeitig vom Waggon abspringen. Sie musste auf dem fahrenden Zug bleiben. Ich lief zu unserer alten Nachbarin, bei der ich dann schlafen durfte. Am nächsten Morgen holte mich meine Mutter dort ab. Sie war von Kaltenkirchen aus zu Fuß nach Hause gelaufen.

1946 kehrte mein Vater aus Russland zurück. Er war Zimmermann und begann sofort, Spielzeug aus Holz zu bauen. Damit gingen meine Eltern auf Bauernhöfe im Hamburger Umland und tauschten es ein gegen Kartoffeln, Steckrüben und einiges mehr. Denn es gab bei uns zu wenig zum Essen. Eines Tages brachten sie zwei Hühner mit, einen Hahn und eine Henne. Mein Vater baute gleich einen Hühnerstall hinter dem Haus. Jeden Morgen krähte nun der Hahn, und wir hatten auch Eier.
In unserem Garten gab es einen Apfelbaum, einen Birnbaum und einen Kirschbaum. Vor dem Haus wurden Gemüsebeete angelegt. Auch ich bekam ein Beet, das ich liebevoll pflegte. Gerne spielte ich mit den Kindern aus der Nachbarschaft in unserem Garten. Mein Vater hatte mir eine Schaukel und ein Reck gebaut. Ansonsten besaß ich nach einiger Zeit einen Ball, ein paar Murmeln und ein Seil. Mit dem Ball spielten wir oft auf dem Hinterhof des Krämerladens Estermann, mit den Murmeln meist im Frischlingstieg. Am liebsten aber spielten wir Hinkefuß und Kibbel-Kabbel mit dem Seil auf einer Straße, die nach meiner Erinnerung „Hinter der Bahn“ hieß. Es fuhren dort so gut wie keine Autos. 

Eines Tages erlebte ich eine große Überraschung. Mein bester Freund Jürgen erzählte mir, dass ihm Verwandte aus Amerika ein Malbuch und Buntstifte geschickt hätten, und er fragte mich, ob ich gerne mit ihm malen möchte. Hurra, ich war begeistert, denn Malbücher und Buntstifte kannte ich bis dahin noch gar nicht. Mit Jürgen spielte ich auch sehr oft am Bahndamm. Das Hinauf- und Hinunterlaufen war unser Lieblingsspiel. Das machten wir auch, als wir eines ­Tages vom Milchmann mit meiner vollen Milchkanne zurückkamen. Jürgen nahm mir die Kanne aus der Hand, schleuderte sie beim Hinauf- und Hinunterlaufen um den Kopf herum, ohne dass die Milch herauslief. Ich versuchte es auch, aber es misslang, und ich kam mit leerer Milchkanne zu Hause an. Das war das erste Mal, dass meine Mutter mit mir schimpfte.

Mein Vater erweiterte unser Haus im Laufe der Jahre um ein Kinderzimmer, eine Küche und auch um eine Toilette, die irgendwann an die Kanalisation angeschlossen wurde. Bisher hatte es im Garten nur ein Plumpsklo gegeben.
In unserer Kolonie gab es nur ein Telefon, und zwar beim Malermeister, das im Notfall von Nachbarn benutzt werden durfte. Das war auch der Fall, als mein Opa beim Apfelpflücken vom Baum gestürzt war. Meine Mutter hörte ihn schreien – meine Großeltern wohnten bei uns gegenüber – und lief sofort zum Malermeister, um einen Arzt anzurufen.

Als ich sechs Jahre alt wurde, sollte ich eingeschult werden, was aber leider nicht klappte. In der zuständigen Schule Rellinger Straße war ein Lazarett untergebracht. So erfolgte die Einschulung erst ein Jahr später. Meine Schule war eine reine Mädchenschule. Nebenan gab es die Jungenschule. Die Schulhöfe waren voneinander getrennt, sodass wir Mädchen in der Pause nicht mit den Jungen spielen konnten. Ich ging gerne zur Schule, mir machte das Lernen Spaß. In meiner Klasse hatte ich den längsten Schulweg. Das war für mich aber kein Problem. Wenn der Unterricht vorbei war, freute ich mich schon auf den Heimweg, der vorbei an meinem geliebten Bahndamm führte. Nach sechs Jahren Grundschule wechselte ich zur Technischen Oberschule in die Telemannstraße. Auch hier hatte ich in meiner Klasse den längsten ­Schulweg. Nach weiteren vier Jahren begann ich eine Lehre bei der Vereinsbank. Das erste Lehrjahr absolvierte ich in der Filiale am Neuen Pferdemarkt. Der sehr lange Arbeitsweg vom Frischlingstieg zum Neuen Pferdemarkt, jeweils zu Fuß hin und zurück, war weiter kein Problem für mich. Sowie ich auf dem Rückweg meinen geliebten Bahndamm erreicht hatte, lief ich, wie üblich, hinauf und hinunter, pflückte im Sommer Blümchen, und meistens warteten schon Freundinnen auf mich, um wieder mit mir zu toben. Ja, es war eine schöne Zeit. Doch diese Zeit sollte bald vorbei sein. Etwa Ende der fünfziger Jahre erzählte mir mein Vater, dass die Fläche unserer Laubenkolonie mit Mietwohnungen bebaut werden sollte. Für mich, die hier eine so schöne Kindheit verbracht hatte, brach eine Welt zusammen. Trotz vieler Erklärungen meines Vaters verstand ich diese Entscheidung nicht. Ich wollte sie auch nicht verstehen. Im April 1961 wurde ich 21, also volljährig. Ich beschloss, weit wegzuziehen, ins Grüne, nach Bayern, möglichst wieder in ein Gartenhaus. Kurz nach meinem Geburtstag packte ich meinen Koffer. Mein Vater brachte mich zum Zug. „Du wirst immer Heimweh nach Hamburg haben“, meinte er. Und so war es dann auch. Nach kurzer Zeit schon überkam mich das Heimweh. Heimweh nach meinem Elternhaus und Heimweh nach meiner Heimatstadt Hamburg. Ich kehrte zurück und freundete mich langsam, ganz langsam mit der Bebauung in der „Linse“ an. Und langsam, ganz langsam reifte in mir auch die Erkenntnis für die Notwendigkeit der Bebauung.

Elke Karsties

 

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